SinoNet: 12. April, Museumsquartier: Lesung von chinesischen Gedichten

Jacqueline and Martin Winter dujuan99 at gmail.com
Mi Apr 6 16:51:45 CEST 2011


Liu Xiaobo, Bei Ling, Ai Weiwei & Co.:


Im Gefängnis in China, auf der Flucht vor China, ohne Rückkehrmöglichkeit nach China


Veranstaltung der IG Autorinnen Autoren, quartier21/ MQ und österreichischer Sinolog/inn/en mit Bei Ling am 12.4.2011 in Wien


Das Vorgehen der chinesischen Behörden gegen Kritiker und Oppositionelle hat einen neuen besorgniserregenden Höhepunkt erreicht. Künstler und Intellektuelle, die in der Demokratiebewegung von 1989 mitgewirkt haben und nach ihrer blutigen Niederschlagung der Verfolgung durch die Staatsmacht ausgesetzt waren, sind neuerlich ins Visier der chinesischen Staatsschützer geraten. Insbesondere diejenigen, von denen die chinesische Charta 08 für Freiheit und Bürgerrechte ausgeht und unterzeichnet wurde. Nun ist auch der Künstler Ai Weiwei, der heuer bei den Bregenzer Festspielen ausstellen sollte, verhaftet worden und verschwunden, für den sich nun aber doch etliche Regierungsvertreter und Politiker der EU und USA einsetzen, während der erst vor wenigen Monaten mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnete Bürgerrechtler Liu Xiaobo schon nach kurzer Zeit in seiner rund ein Jahrzehnt andauernden Gefängnisstrafe der Vergessenheit anheimzufallen droht. 


Obwohl sich China nach außen hin immer westlicher präsentiert, fährt es im Inneren einen immer rigideren Kurs. Das Zeitfenster seiner kulturellen Präsentation als Gastland bei der Frankfurter Buchmesse 2009, wo es immerhin gelang, auch von offiziellen Vorstellungen abweichende Vertreter der Kultur Chinas mit einzubeziehen und einen Autor wie Liao Yiwu („Fräulein Hallo und der Bauernkaiser“) wenigstens ein Jahr später zu empfangen, ist wieder geschlossen. Bei Ling, ein weiterer, der nicht-offiziellen literarischen Vertreter des Auftritts Chinas bei der Frankfurter Buchmesse 2009, der seit 2000 in den USA und in Taiwan im Exil lebende Lyriker, Zeitschriftenherausgeber und Biograph des Friedensnobelpreisträgers 2010 Liu Xiaobo ist nun zur Vorstellung seiner Liu Xiaobo-Biographie für einige Tage in Wien. 


Bei Ling ist nicht nur als selbst Betroffener mit den Verhältnissen in China im Umgang der Staatsführung mit abweichendem Verhalten eng vertraut, er stand und steht auch mit zahlreichen Akteuren der Demokratiebewegung in Verbindung. Zum Unterschied zu Liu Xiaobo gelang es 2000 auf Betreiben seiner Schriftstellerkolleg/inn/en, darunter Günter Grass und Susan Sontag, Bei Ling wieder freizubekommen. 


Die IG Autorinnen Autoren freut sich, gemeinsam mit dem quartier21/ MQ und österreichischen Sinologen zur Buchpräsentation und chinesisch-deutschsprachigen Lesung von Gedichten des Friedensnobelpreisträgers 2010 Liu Xiaobo (von 2010 an für rund zehn Jahre in Haft) an seine Frau Liu Xia und seiner Frau (seit Oktober 2010 unter Hausarrest) an ihn, von Gedichten Bei Lings und aus der Biographie von Bei Ling über Lia Xiaobo einladen zu können. Die genauen Daten der Veranstaltung sind:


12.4.2011, 19 Uhr, Raum D / quartier21 / MQ
Quartier für Digitale Kultur, 1070 Wien, Museumsplatz 1 
Eine Gemeinschaftsveranstaltung von IG Autorinnen Autoren, quartier21/ MQ und österreichischer Sinolog/inn/en

http://programm.mqw.at/programmdatenbank/index.php?result_page=1&tmp=q21-det&TID=6350 

http://www.mqw.at/de/programm/detail/?event_id=6350&filter_keyword_ids=10

Lesung, Buchpräsentation mit Bei Ling

Gedichte von Liu Xiaobo und Liu Xia aus zwei Jahrzehnten (Übersetzung: Angelika Burgsteiner und Martin Winter)
Auszüge aus Essays von Bei Ling und aus der Biografie von Liu Xiaobo („Der Freiheit geopfert“, Riva Verlag, München 2011)
Gedichte von Bei Ling

Es lesen Bei Ling (chinesische Originale) und Gerhard Ruiss (deutschsprachige Übersetzungen), verbindende Worte und Übersetzungen: Martin Winter


Der Versuch der Überwindung von Zeit und Raum ist für Bei Ling seit mehr als einem Jahrzehnt bittere Realität. Bei Ling war wegen Herausgabe einer Literaturzeitschrift selbst in Haft, wurde auf internationalen Druck wieder freigelassen und aus China ausgewiesen. Seither lebt er im Exil: „Es gibt keine Wahl mehr. Das Blut vieler junger Menschen, Xiaobo im Gefängnis - es wird mich verfolgen, es wird mein Verhalten bestimmen, auch das, was ich schreibe“, formulierte Bei Ling vor 22 Jahren als er erfuhr, daß sein Freund Liu Xiaobo nach dem Massaker vom 4. Juni 1989 verhaftet worden war - und er scheint recht zu behalten.

Nicht nur Ai Weiwei ist von der aktuellen Verhaftungswelle betroffen, schon vorher wurden andere Künstler wie Wu Yuren, Blogger wie Ran Yunfei oder Menschenrechtsanwälte wie Teng Biao festgenommen. Der vorher mehrfach inhaftierte und gefolterte Anwalt Gao Zhisheng ist seit Jahren verschwunden. Viele stehen unter Hausarrest und werden abgeschirmt, in letzter Zeit verschärft auch Liu Xia, die Frau von Liu Xiaobo. Seit Oktober durfte niemand mehr Liu Xiaobo besuchen, auch seine Frau nicht. Falls der Bruder oder die Eltern doch einmal die Erlaubnis dazu bekamen, dann abgeschirmt, unter Geheimhaltung, jeder Kontakt von Liu Xiaobo zur Außenwelt wird strengstens verhindert.


Liu Xianbin, der eine Oppositionspartei gründen wollte, wurde letzte Woche wegen Anstiftung zur Untergrabung der Staatsgewalt neuerlich verurteilt, wie Liu Xiaobo zu zehn Jahren. Sein gesamtes Strafausmaß seit 1989 beträgt 25 1/2 Jahre. Liu Xianbin kam 2008 frei, unterschrieb die Charta 08 und wurde 2009 wieder verhaftet. Er hat eine Tochter im Teenager-Alter, die ihren Vater hauptsächlich aus Besuchen im Gefängnis kennt. 


Der Dichter Liao Yiwu, der 1989 wegen einer Radioausstrahlung seines Gedichts „Massaker“ ins Gefängnis kam, die 1990er Jahre hauptsächlich in Lagern verbrachte, dort viel Stoff für Reportagen und Erzählungen fand, die auch ins Deutsche übersetzt wurden, durfte, nachdem sich sogar die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel für ihn einsetzte, im Herbst 2010 erstmals ins Ausland reisen. Im Herbst 2010 war er in Deutschland, dann fuhr er zurück nach Sichuan. Sofort wurde er wieder überwacht, öfter zur Polizei beordert usw. Heuer im März hätte er in die USA zu einer Lesereise aufbrechen sollen und durfte ein weiteres Mal nicht ausreisen. Auch eine Lesereise nach Australien, wo er dasselbe Buch vorstellen sollte, wird er nicht antreten können. Seit den 1990er Jahren wurde er 16mal in verschiedene Länder zu Veranstaltungen eingeladen, ein einziges Mal durfte er bisher diese Einladungen wahrnehmen, 15mal nicht. Liao Yiwu ist bei weitem nicht das einzige Beispiel, auch der Dichter Bai Hua durfte lange Zeit ebenfalls China nicht verlassen.


Liu Xiaobo, Ai Weiwei und Bei Ling kennen einander seit den 80er Jahren. Alle Künstler, Musiker, Schriftsteller und andere, die jetzt über 30 sind, sind durch die Proteste und das Massaker von 1989 miteinander verbunden, auch wenn sie künstlerisch, intellektuell oder politisch mitunter überhaupt nicht übereinstimmen. Die Dissidenten, auch im Ausland, sind sich über die Rollen der jeweils anderen teilweise sehr uneinig. So wird Liu Xiaobo z.B. von manchen als ungeeignet angesehen, Arbeiter und Arbeitsmigrant/inn/en zu vertreten, die in den letzten Jahren mit Streiks, Selbstmorden und unfreiwillig auch durch die vielen Arbeitsunfälle in den großen Fabriken in den Industriestädten um Kanton und anderswo von sich reden gemacht haben. Aber auch in dieser Richtung gibt es eine literarisch-politische Verbindung: die 2003/2004 bekannt gewordene Arbeitsmigrantin und Dichterin Zheng Xiaoqiong, die 2009 eine Auswahl ihrer Gedichte in Taiwan veröffentlichte, in einer Serie, in der auch Gedichte der tibetischen Schriftstellerin Woeser erschienen.

Weitere Informationen Martin Winter: http://erguotou.wordpress.com/


Mit freundlichen Grüßen
Gerhard Ruiss
IG Autorinnen Autoren
Wien, 6.4.2011

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