SinoNet: Liu Xiaobo, Ai Weiwei für ein anderes China (Entschuldigung)
andreas.werner at cn.rbinternational.com
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Do Okt 14 08:08:59 CEST 2010
Lieber Helmut Opletal,
wenn ich die Diskussionsbeitraege lese, reissts mich genauso wie den
Helmut Opletal. Dem ich uebrigens voll zustimme (so gehts wirklich nicht,
Justizwillkuer bleibt eine solche ist dementsprechend scharf zu
verurteilen). Hier wird munter drauf los instrumentalisiert, und das
sollte man rechtzeitig merken und sich nicht gefallen lassen. Von keiner
Seite. Es werden naemlich zwei Dinge, die nur sehr bedingt miteinander zu
tun haben, vermengt, was eine sachliche Diskussion erschwert bzw. sogar
unmoeglich macht. Dem Aufschrei, dass man doch so mit einem inhaftierten
Menschenrechtsaktivisten nicht umgehen kann, ist vorbehaltlos zuzustimmen.
Davon sauber getrennt zu diskutieren ist jedoch, ob Liu aufgrund seiner
Ansichten und Thesen, oder, um in der Diktion zu bleiben, "politischen"
Ansichten, den Nobelpreis verdient hat oder nicht. Nur ist dies eine ganz
andere Diskussion. Die an Liu begangene Justizwillkuer scharf zu
kritisieren, heisst noch lange nicht, dass man seine Weltsicht teilt oder
seine Rezepte fuer China fuer richtig haelt. Seine Thesen nicht zu teilen
heisst noch lange nicht, dass man seine Inhaftierung fuer akzeptabel
haelt.
Was diese Diskussion eben so ungemuetlich macht. Man kommt naemlich sehr
schnell ins falsche Eck. Was Robert Fitzthum offenbar passiert ist. Auch
wenn die lauwarme Ablehnung der Infhaftierung ein bissl patschert ist
(weil man in diesem Fall eben scharf und nicht lauwarm verurteilen muss),
eine sachliche Diskussion zu Lius Thesen muss erlaubt sein. Immerhin ist
er jetzt Nobelpreistraeger, sich mit seinen Thesen sachlich auseinander zu
setzen ist also durchaus legitim. Da hat der R. Fitzthum schon recht. Nur
ist die SCMP-Polemik nicht sachlich.
Wenn man es nun unvoreingenommen versucht, dann kommt man vielleicht zur
Ansicht, dass der Nobelpreis hier eher politisch, dh. gegen China, nicht
fuer Liu, vergeben wurde. Was das offizielle China nicht ganz zu Unrecht
kritisiert, das Nobelpreiskommittee ist hier Wiederholungstaeter (oder
will mir jemand einreden, dass der letzte chin. Literaturnobelpreis fuer
grosse Literatur vergeben wurde ? Ich empfehle die Lektuere des Buches im
Original). Dass Interventionen gegen eine Verleihung an Liu eben diese
geradezu herausgefordert haben, hat man sich freilich selber
zuzuschreiben.
Die Auesserung Lius, dass China 300 Jahre Kolonialisierung brauche, stammt
zwar aus 1988, er hat sie aber nie zurueckgenommen oder relativiert, im
Gegenteil, und es passt durchaus zu seiner eher unkritischen Rezeption des
"westlichen" politischen Wertesystems. Das einfach als Metapher abzutun
greift vielleicht doch ein bisschen zu kurz: die Konnotation die
"Kolonalisierung" in China hat (man denke nur an an die zweite Haelfte des
19ten und die 20er und 30er-Jahre des vorigen Jahrhunderts), kann man
nicht einfach ausser Acht lassen. So etwas geht in China nicht einmal als
Metapher durch. Zur Veranschaulichung der heimische Kontext: geht
"ordentliche Beschaeftigungspolitik" als Metapher, die man nicht zu ernst
nehmen sollte, durch ? Wohl eher nicht. Eher ganz heftig nicht.
H. Opletal fordert ein sachliche Debatte zu Modernisierung und gerechter
Gesellschaftsordnung ueber Inhalte und nicht auf Lius Ruecken. Da bin ich
bei ihm. Diese Diskussion ist zu fuehren, und zwar mit Argumenten, nicht
mit Polemik a la SCMP. Ein zaghafter Versuch in diese Richtung: der
Vorschlag der Einfuehrung einer Demokratie rein westlichen Musters in
China ist, fuerchte ich, mit etwas Vorsicht zu geniessen: in Russland ging
das naemlich unklusive Privatisierung ziemlich schief, und Russland hat
sicher mehr westlich-demokratische Tradition als China. Damit ich hier
nicht ins falsche Eck gestellt werde: ich bin ein heftiger Verfechter von
Demokratie und die von Liu kritisierten Zustaende in China sind in der Tat
alles andere als lustig. Ich lebe seit fast 20 Jahren hier und koennte
noch einige hinzufuegen, die Liu vielleicht nicht einmal kennt (er leitet
naemlich keine Firma in China). Ob seine Rezepte dagegen allerdings
praxistauglich (bzw. preiswuerdig) waeren, muss offen fuer eine Diskussion
sein.
Der Anmerkung, dass Lius Thesen "hier", ich vermute, R. Fitzthum meint
China, nicht mehrheitsfaehig sind, wuerde ich zustimmen. Ich habe mehrere
Chinesen in meinem Umfeld befragt (und da sind auch Teilnehmer vom
Tiananmen 89 darunter): mit dem Vorschlag der Kolonialisierung koennen
die ebensowenig anfangen wie mit der unkritischen Propagierung des
westlichen, sprich amerikanischen, politischen Systems. Wir sind eben in
China, nicht in Amerika oder Europa, mit einer ganz anderen Historie und
ganz anderen Voraussetzungen. Wie man in Russland gesehen hat, kann man
Systeme nicht einfach kopieren. In grossen Laendern mit langer Geschichte
schon gar nicht. Da braucht es genuine, vielleicht sogar gaenzlich neue
Konzepte (fuer deren Erfinden eine Nobelpreisverleihung dann tatsaechlich
mehr als gerechtfertigt waere, aber hier scheitert der diesjaehrige
Nobelpreistraeger bzw. er versucht es nicht einmal). So polemisch (und das
geht in der Tat nicht, denn Liu sitzt im Gefaengnis und kann sich nicht
einmal wehren) die beiden SCMP-Autoren das auch darstellen (man sei
Menschrechtsaktivist, prowestlich, antikommunistisch und im Gefaengnis und
die Chancen auf den Nobelpreis steigen dramatisch), "bu yi yan fei yi": ob
simples Kopieren des westlichen politischen Systems fuer China
vorzuschlagen als Qualifikation zum Nobelpreis reicht, das zu hinterfragen
sollte zumindest erlaubt sein.
Die Perfidie in der Methode liegt hier leider auf beiden Seiten: wenn man
sich Lius Thesen genauer anschaut, kann man sich des Eindrucks der
politischen Vergabe eben nicht erwehren: die Verleihung des Preises an Liu
fuer die Forderung China zu verwestlichen kann man mir nicht als
unpolitisch verkaufen. Da Liu aber ein im Gefaengnis sitzender und, wie
ich meine, persoenlich sehr integerer Menschenrechtsaktivist ist, kann man
der "Schubladisierung" nicht entkommen: Zustimmung zur Preisverleihung
wird als Ablehnung der an Liu begangenen Justizwillkuer eingefordert und
somit umfunktioniert zur impliziten, unspezifischen Verurteilung und
Ablehnung des ganzen offiziellen China. Diese Methode ist in der Tat
perfide denn so einfach ist es dann nun auch wieder nicht. Ob man Chinas
gegenwaertiges politisches System per se ablehnt oder die Leistungen der
letzten 32 Jahre anerkennt und die zu kritisierenden Zustaende wie etwa
Justizwillkuer aber trotzdem, oder sogar gerade deswegen (weil man hofft
etwas zu verbessern) heftig kritisiert, das ist halt ein ganz anderer
Standpunkt und eine ganz andere Diskussion.
Und genau so funktioniert es nicht minder perfide auch umgekehrt: erlaubt
man sich Kritik an Lius Thesen wandert man rasch und beinahe reflexhaft in
die Schublade der Zustimmung zu Lius Inhaftierung und all der anderen in
China zu kritisierenden Umstaende (wie bei R. Fitzthum passiert). Oder,
ebenfalls unzulaessig, von chinesischer Seite praktiziert: Lius
Preisvergabe muss man ablehnen, sonst ist man gegen China und verunglimpft
das chin. Justizsystem.
Um dem zu entgehen, ist, wie schon oben ausgefuehrt, sehr scharf zwischen
diesen beiden Diskussionen zu trennen. Wer hier "lauwarm" agiert, wandert
flugs in die entsprechende Schublade. Wodurch sich dann jede sachliche
Diskussion (sic !) eruebrigt.
A.W.
Helmut.Opletal at aon.at
Sent by: sinonet-bounces at lists.univie.ac.at
10/14/2010 01:11 AM
To
fredakk at yahoo.com, helmut.opletal at univie.ac.at, robert.fitzthum at rfmc.at
cc
sinonet at lists.univie.ac.at
Subject
Re: SinoNet: Liu Xiaobo, Ai Weiwei für ein anderes China
(Entschuldigung)
Lieber Robert, liebe Mitdiskutanten!
1) Sachliche Diskussion? Ich habe geantwortet auf eine sehr unsachliche
Diskussion, die hier angezettelt worden ist, auf den Versuch, ein Opfer
der Justizwillkür mit Häme und Spott runterzumachen (dies geschah vor
allem durch den Verweis auf den bösartigen Artikel von Sautman/Yan – s.
„Ig Nobelpreis“).
2) Zu sagen „die Ablehnung der Verurteilung steht ja doch außer Streit“
reicht mir da nicht aus, wenn ich gleichzeitig sehr wohl das Opfer
denunziere.
3) „Neoliberal“ war in diesem Kontext und in den zynischen Formulierungen
von Georg Kneussl eindeutig als Denunzierung und Schimpfwort zu verstehen,
auch „politische Ansichten …, die man hier in weiten Kreisen eher ablehnen
würde“ (wer? welche? warum?), klingt mehr nach „pfui“ als nach sachlicher
Diskussion.
4) Dass Lius Wunsch nach „300 Jahren Kolonisierung“ nicht wörtlich zu
nehmen ist, sondern als rhetorische Metapher, ist selbst aus dem
verkürzten Zitat klar. Und wenn wir schon bei westlichem/europäischem
Gedankengut sind: Was ist mit Marx, Engels, Lenin, Stalin? Wo kommt denn
das her? Also eine Debatte über Modernisierung, gerechte
Gesellschaftsordnung etc. (in China oder anderswo) ist sicher über Inhalte
zu führen, nicht über die geografische Herkunft von Ideen, und schon gar
nicht auf dem Rücken von für ihre Meinung eingekerkerten Bürgerrechtlern.
5) Bleibt die Frage: Wie haltet Ihr es mit der Solidarität mit jemandem,
dessen Grundrechte gröbest verletzt werden (auch wenn er in einigen Fragen
Meinungen geäußert hat, die von Euren abweichen)?
Grüße, Helmut
Dr. Helmut Opletal
Traungasse 7/11
1030 Wien, Austria
Tel.: 01-7151364
Mobil: 0676-6038512
helmut.opletal at aon.at
Von: sinonet-bounces at lists.univie.ac.at
[mailto:sinonet-bounces at lists.univie.ac.at] Im Auftrag von Kim Kwok
Gesendet: Mittwoch, 13. Oktober 2010 16:11
An: helmut.opletal at univie.ac.at; Robert Fitzthum
Cc: sinonet at lists.univie.ac.at
Betreff: Re: SinoNet: Liu Xiaobo, Ai Weiwei für ein anderes China
(Entschuldigung)
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民主和自由就被扣帽å"neoliberal"? (这里还真è¦å¼„清楚是指neoliberal 还是new
liberal) 首先,我ä¸è®¤ä¸ºè¯ºè´å°”å¥–çš„è¯„é€‰å°±ä»£è¡¨è‡³é«˜æ— ä¸Šçš„é“å¾·æ ‡å‡†ã€‚å¾—äº†å¥–ï¼Œæ˜¯
一ç§çš„鼓励和肯定,得ä¸åˆ°ï¼Œæˆ‘è®¤ä¸ºåˆ˜æ™“æ³¢çš„ä»·å€¼ä¹Ÿæ²¡æœ‰å› æ¤è€Œé™ä½Žã€‚
所有诺è´å°”奖的获奖人都è¦é¢å¯¹å„ç§å„æ ·çš„è¯„è®ºï¼Œæ˜¯è°„åªšè¿˜æ˜¯é™·å®³ï¼Œè¿˜æ˜¯è¦ç•™å¾…历å²
去评价。
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香港
--- On Wed, 13/10/10, Robert Fitzthum <robert.fitzthum at rfmc.at> wrote:
From: Robert Fitzthum <robert.fitzthum at rfmc.at>
Subject: Re: SinoNet: Liu Xiaobo, Ai Weiwei für ein anderes China
(Entschuldigung)
To: helmut.opletal at univie.ac.at
Cc: sinonet at lists.univie.ac.at
Date: Wednesday, 13 October, 2010, 8:14 PM
Lieber Helmut Opletal,
ich denke, auch politische Angelegenheiten sollte man sachlich diskutieren
können.
Die Ablehnung einer Verurteilung steht ja doch außer Streit.
Interessant war der Beitrag von Herrn Kneussel allemal, da er zeigte, dass
Liu politische Ansichten vertritt, die man hier in weiten Kreisen eher
ablehnen würde. Welche Folgen es für China und die Welt haben könnte, wenn
sich seine Meinung politisch durchsetzen würde, ist ja auch ein
interessanter Themenkreis.
Interessant auch das Kurier Interview von Fr. Prof. Weigelin-Schwiedrzik.
Zusätzliche Information zu erhalten und Diskussion ist ja wohl der Zweck
solcher Netzwerke.
Mit besten Grüßen
Robert Fitzthum
-----Ursprüngliche Nachricht-----
Von: sinonet-bounces at lists.univie.ac.at
[mailto:sinonet-bounces at lists.univie.ac.at] Im Auftrag von Helmut Opletal
Gesendet: Mittwoch, 13. Oktober 2010 13:14
An: Gregor Kneussel
Cc: sinonet at lists.univie.ac.at
Betreff: SinoNet: Re: Liu Xiaobo, Ai Weiwei für ein anderes China
(Entschuldigung)
Lieber Mitdiskutierende, auch wenn da offenbar manches nicht für die
Allgemeinheit gedacht war, mir platzt trotzdem der Kragen!
Meint Ihr das ernst und seid Ihr wirklich von allen guten Geistern
verlassen? Merkt Ihr eigentlich, wessen Spiel Ihr da spielt?
Hier ist ein chinesischer Bürgerrechtsaktivist, an dem ein ziemlich
perfides Exempel statuiert wurde, der für Meinungsäußerungen und
zivilgesellschaftliche Aktivitäten, die auch Ihr (so hoffe ich) für
selbstverständlich in einer aufgeklärten Gesellschaft haltet, zu elf
Jahren Kerker verknackt wurde, stellvertretend für 300 weitere
Unterzeichner der Charta08, an die man sich – aus Angst vor
Solidarisierungen – nicht gleich so radikal zu vergreifen wagte. Und Euch
fällt nichts besseres ein, als ihm das Etikett „neoliberal“ auf die Stirn
zu picken und eine aus dem Kontext gerissene Aussage aus dem Jahr 1988 (!)
hervorzukramen, um ihn im Stil der kulturrevolutionären Rotgardisten zu
denunzieren.
Was wollt Ihr damit eigentlich suggerieren? Dass er zu Recht verurteilt
worden ist? Dass es mit „Neoliberalen“ (was immer Ihr darunter versteht),
mit Chinesen, die am westlichen Gesellschaftsmodell was Gutes finden, oder
meinetwegen auch die US-Intervention im Irak gutgeheißen haben, keine
Solidarität in Bezug auf grundlegende Menschenrechte geben kann?
Man mag sicher über einzelne Ansichten von Liu und anderen chinesischen
Dissidenten diskutieren (und das geschieht ja auch zwischen den
unterschiedlichen Vertretern der chinesischen Bürgerrechtsbewegung), man
mag auch debattieren, ob ihm wirklich der Nobelpreis gebührt. Aber
jemandem, der von einem Unrechtsregime und einer Unrechtsjustiz derart
menschenverachtend behandelt wird, auch noch Spott und Hohn nachzuschicken
(wie es Sautman and Yan in dem zitierten Artikel tun!), halte ich für
einigermaßen unwürdig.
In diesem Sinne, grüßt euch Helmut Opletal
On Mi, 13.10.2010, 05:09, Gregor Kneussel wrote:
> Verzeihung – das hätte nicht an die Liste gehen sollen, sondern nur an
> Martin. Und bitte auch den Tippfehler zu entschuldigen (Li/Liu).
>
> Gregor
>
> -------- Original-Nachricht --------
> Betreff: Re: SinoNet: Liu Xiaobo, Ai Weiwei für ein anderes China
> Datum: Wed, 13 Oct 2010 10:09:48 +0800
> Von: Gregor Kneussel <gregor.kneussel at gmx.net>
> An: SinoNet at lists.univie.ac.at
>
> Gratuliere!
>
> Untenstehend ein etwas anderer Blickwinkel von Sautman und Yan, dem ich
> noch hinzufügen würde, dass Li Xiaobo (als konsequenter Neoliberaler und
> mutiger Verfechter der zivilisatorischen Mission des Westens) ein
> begeisterter Unterstützer des Angriffs der USA auf den Irak war und ist.
>
> Natürlich sollte er dafür nicht im Gefängnis sitzen; dass er im
> Gefängnis sitzt, enthebt seine Ansichten jedoch nicht jeglicher Kritik.
>
> Herzliche Grüße
> Gregor
>
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