SinoNet: Liu Xiaobo, Ai Weiwei für ein anderes China
Jürgen Reder
juergen.reder at gmail.com
Do Okt 14 11:05:11 CEST 2010
Liebes SinoNet,
seit einigen Tagen nun verfolge ich die Diskussion hier.
Liu Xiaobo opfert sein Leben vor allem für freie Meinungsäußerung in einer Art und Weise, die als heldenhaft bezeichnet werden kann. Sich gegen ein Unrechtsregime zu stellen und für (mehr) Demokratie zu kämpfen, sprich für Tausende von Opfer dieses Unrechtsregimes einzutreten, sich für tausende politisch Verfolgte einzusetzen, sollte bejubelt, geachtet und respektiert als kritisiert werden.
Der eigens von Herrn Kneussel nochmals zitierte Satz zeigt eindeutig die Argumentationslinie, die im Rassismus alltäglich angewandt wird (siehe die Literatur der Linguistin Ruth Wodak). Ja, aber…Konstruktionen dienen dazu, Opfer zu Tätern umzustilisieren und um sie zu denunzieren. „Natürlich sollten die Asylwerber nicht abgeschoben werden, aber sie sind ja selber schuld, dass sie…“
Zudem untermauert Herr Kneussel weiterhin seine Thesen zu Herrn Liu Xiaobo. In diesem Kontext, es ging ursprünglich um seinen Nobelpreis und seine Haftstrafe, ihn als neoliberalen Bush-Fanatiker darzustellen, ist eine Umkehrung der Tatsachen und Herabwürdigung seines Kampfes gegen das Unrechtsregime.
Er ist kein Täter, er ist OPFER!
Gleichsam wie Herrn Opletal machen mich derartige Meldungen daher ebenfalls betroffen und wütend. Weshalb die Erwähnung von Emotionen die Sachlichkeit herabsetzen sollte, verstehe ich ebenfalls nicht.
Ich empfinde es ebenfalls nicht als eurozentristisch, wenn man für die Freiheit von Liu Xiaobo eintritt. Denn, egal welche politischen Haltungen er einnimmt, es ist Unrecht, ihn seiner Freiheit zu berauben. Und das stellvertretend für Tausende. Dafür trete ich gerne ein.
LG,
Jürgen Reder
Mit freundlichen Grüßen
Mag. Jürgen Reder
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Von: Gregor Kneussel <gregor.kneussel at gmx.net>
Datum: 14. Oktober 2010 09:06:06 MESZ
An: <mailto:sinonet at lists.univie.ac.at> sinonet at lists.univie.ac.at
Betreff: Re: SinoNet: Liu Xiaobo, Ai Weiwei für ein anderes China
Liebe KollegInnen!
Zur Erinnerung zitiere ich mich selbst: "Natürlich sollte [Liu Xiaobo]
dafür nicht im Gefängnis sitzen; dass er im Gefängnis sitzt, enthebt
seine Ansichten jedoch nicht jeglicher Kritik." Ist das
missverständlich? Ich glaube nicht. Ich halte es mit 秦暉 von der 清è¯å¤§
å¸, der in Bezug auf Liu und seine sagte: “我ä¸åŒæ„ä½ çš„è§€é»žï¼Œä½†å …æ±ºæè¡›
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Wer nicht nur die deutschsprachigen Medien konsumiert, sondern auch die
chinesischsprachige Diskussion über Liu Xiaobo verfolgt hat und Liu
Xiaobos Schriften kennt, weiß, dass sein Interview in der ã€Šè§£æ”¾æœˆå ±ã€‹
1988 kein „Ausreißer“ war, sondern in seinem positivistischen
Geschichtsbild wurzelt (er stand auch 2006 in einem Artikel in derselben
Zeitschrift zu seinen Aussagen von 1988), kann auch nachvollziehen,
warum ich ihn als neoliberal bezeichne und weiß auch, dass ich damit im
chinesischen Sprachraum keineswegs alleine dastehe. Ich halte es nicht
für einen Zufall, dass die deutschsprachigen Medien nicht berichten,
dass Liu explizit die Bush-Doktrin, wie er sie nennt, die Kriege der USA
gegen den Irak und gegen Afghanistan (und gegen Vietnam etc.) in
zahlreichen Artikeln unterstützt und 2004 z.B. den "prinzipienlosen
Kuschelkurs" von Bush' Gegenspieler Kerry kritisiert hat. Er ist
tatsächlich sehr konsequent.
Auf die Unterstellungen von Helmut (im "Stil der kulturrevolutionären
Rotgardisten"?) möchte ich nicht eingehen.
Herzliche Grüße
Gregor
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