SinoNet: WG: Liu Xiaobo, Ai Weiwei für ein anderes China (Entschuldigung)

Helmut Opletal Helmut.Opletal at aon.at
Do Okt 14 09:01:14 CEST 2010


 

 

 

Von: Helmut Opletal [mailto:Helmut.Opletal at aon.at] 
Gesendet: Donnerstag, 14. Oktober 2010 09:00
An: 'daniel wueringer'
Betreff: AW: SinoNet: Liu Xiaobo, Ai Weiwei für ein anderes China (Entschuldigung)

 

Lieber Daniel Würinger, lieber Andreas Werner,

 

also ich gestehe, dass mir die Emotionen ein wenig durchgegangen sind, tut mir leid, und ich versuche (möglichst ohne mich zu wiederholen) auf eine „sachliche Ebene“ zurückzukommen:

 

Mich hat geärgert, dass hier im Form vorgeblicher Information und Sachdiskussion („schaun wir mal, was Liu Xiaobo sonst noch alles von sich gegeben hat“) eine in der Tat nicht sehr sachliche Diffamierung erfolgte. Das ist der Punkt. Und Andreas Werner hat das ja nochmals ausgeführt.

 

Selbstverständlich darf und muss man die Ansichten eines Nobelpreisträgers, einer politischen Symbolfigur, wie sie Liu Xiaobo geworden ist, diskutieren. Aber es wäre gut, Begriffe zu präzisieren, in die jeder etwas anderes hineininterpretiert („westliches Gesellschaftsmodell“, „Neoliberalismus“), und die hier polemisch gegen Liu verwendet worden sind. Wahrscheinlich wird man diese Themen sinnvoll nur ohne Bezug auf Liu debattieren können, das ist viel komplexer – auch deswegen stört es mich, wenn diese Debatte zur abwertenden Etikettierung benutzt wird („unkritischer Anhänger…). 

 

Und nochmals zum Zitat über „300 Jahre Kolonisierung“: Ich verstehe es weiterhin nicht wörtlich, sondern im Sinne von „langjährige Erfahrung mit westlichem Denken und westlichem Gesellschaftsmodell machen“ – und das kann ich als provokante Überlegung sehr wohl akzeptieren, auch wenn Liu bei seiner Wortwahl die menschenverachtende Seite des Kolonialismus natürlich verniedlicht. Da stimme ich auch Andreas Werner weitgehend zu, obwohl sich auch die Kolonialismus-Debatte durchaus komplexer darstellt (z.B. in Hongkong auch viele Chinesen das von den Briten ererbte Justizsystem sehr schätzen – ich nehme an, auf solche Aspekte hat auch Liu Bezug genommen).

 

Und zu guter Letzt: Ich habe nicht zu Solidaritätsbekundungen aufgerufen (das möge jeder halten, wie er will, und das ist auch nicht der Sinn des Sinonet), aber ich habe doch die Frage zur Diskussion gestellt, ob man Solidarität mit einem offensichtlichen Opfer verweigern darf, nur weil man ihm einige „politisch inkorrekte“ Ansichten unterstellt (die ich übrigens auch nicht in der „Charta 08“ wiederfinde, für die Liu verurteilt worden ist)?

 

Wer sich den Originaltext der Charta 08 sicherheitshalber nochmals durchlesen möchte: http://www.nybooks.com/articles/archives/2009/jan/15/chinas-charter-08/ 

 

Beste Grüße, Helmut Opletal

 

 

  _____  

Von: daniel wueringer [mailto:daniel.wueringer at wueringer.net] 
Gesendet: Donnerstag, 14. Oktober 2010 06:06
An: Helmut Opletal
Cc: sinonet at lists.univie.ac.at
Betreff: AW: SinoNet: Liu Xiaobo, Ai Weiwei für ein anderes China (Entschuldigung)

 

Hallo Herr Opletal,

 

ohne auf Ihre inhaltlichen Argumente eingehen zu wollen, finde ich es schade wie sich diese Diskussion entwickelt.  Wir folgen damit einem Trend Sachdiskussionen durch emotionale Argumente zu ersticken.  Gerade in einem Emailverteiler der hauptsächlich Akademiker beinhaltet, sollte so etwas nicht passieren.  Ich würde Sie daher bitten sich auf Sachargumente zu beschränken und keinem der Diskutanten Bösartigkeit und politische Motivationen zu unterstellen, bzw. hier zu Solidaritätsbekundungen aufzurufen.  Ich bin überzeugt der Verteilerkreis ist intelligent genug um sich selbst ein Bild der Absicht jedes Diskutanten zu machen.

 

Inhaltich fand ich die Diskussion sehr interessant, auch den ersten Ihrer Beiträge.  Ich hätte gehofft daß es gerade im Umfeld der Sinologie möglich ist auch kontroversielle Inhalte sachlich zu diskutieren.

 

Freundliche Grüße,

Daniel Würinger

 

Von: sinonet-bounces at lists.univie.ac.at [mailto:sinonet-bounces at lists.univie.ac.at] Im Auftrag von Helmut Opletal
Gesendet: Mittwoch, 13. Oktober 2010 19:12
An: 'Kim Kwok'; helmut.opletal at univie.ac.at; 'Robert Fitzthum'
Cc: sinonet at lists.univie.ac.at
Betreff: Re: SinoNet: Liu Xiaobo, Ai Weiwei für ein anderes China (Entschuldigung)

 

Lieber Robert, liebe Mitdiskutanten!

 

1) Sachliche Diskussion? Ich habe geantwortet auf eine sehr unsachliche Diskussion, die hier angezettelt worden ist, auf den Versuch, ein Opfer der Justizwillkür mit Häme und Spott runterzumachen (dies geschah vor allem durch den Verweis auf den bösartigen Artikel von Sautman/Yan – s. „Ig Nobelpreis“).

 

2) Zu sagen „die Ablehnung der Verurteilung steht ja doch außer Streit“ reicht mir da nicht aus, wenn ich gleichzeitig sehr wohl das Opfer denunziere.

 

3) „Neoliberal“ war in diesem Kontext und in den zynischen Formulierungen von Georg Kneussl eindeutig als Denunzierung und Schimpfwort zu verstehen, auch „politische Ansichten …, die man hier in weiten Kreisen eher ablehnen würde“ (wer? welche? warum?), klingt mehr nach „pfui“ als nach sachlicher Diskussion. 

 

4) Dass Lius Wunsch nach „300 Jahren Kolonisierung“ nicht wörtlich zu nehmen ist, sondern als rhetorische Metapher, ist selbst aus dem verkürzten Zitat klar. Und wenn wir schon bei westlichem/europäischem Gedankengut sind: Was ist mit Marx, Engels, Lenin, Stalin? Wo kommt denn das her? Also eine Debatte über Modernisierung, gerechte Gesellschaftsordnung etc. (in China oder anderswo) ist sicher über Inhalte zu führen, nicht über die geografische Herkunft von Ideen, und schon gar nicht auf dem Rücken von für ihre Meinung eingekerkerten Bürgerrechtlern.   

 

5) Bleibt die Frage: Wie haltet Ihr es mit der Solidarität mit jemandem, dessen Grundrechte gröbest verletzt werden (auch wenn er in einigen Fragen Meinungen geäußert hat, die von Euren abweichen)?

 

Grüße, Helmut

 

 

 

  _____  

Von: sinonet-bounces at lists.univie.ac.at [mailto:sinonet-bounces at lists.univie.ac.at] Im Auftrag von Kim Kwok
Gesendet: Mittwoch, 13. Oktober 2010 16:11
An: helmut.opletal at univie.ac.at; Robert Fitzthum
Cc: sinonet at lists.univie.ac.at
Betreff: Re: SinoNet: Liu Xiaobo, Ai Weiwei für ein anderes China (Entschuldigung)

 


è¿™é‡Œçš„è®¨è®ºå¾ˆæœ‰æ„æ€ï¼Œæœ‰äº›è¯å¾ˆæƒ³è¯´ã€‚

 

æ¯ä¸ªäººéƒ½æœ‰ç›²ç‚¹ã€‚在中国的人å‘往他们心目中"美好"的西方,在西方的人å‘往他们心目中 "纯æ´"çš„ä¸œæ–¹ã€‚å¤§å®¶å„æœ‰å„的想象, ä¹Ÿå„æœ‰å„çœ‹ä¸æ¸…的地方。

 

刘晓波å‘往殖民统治,是已ç»ä¸åˆæ—¶å®œä¹Ÿå¾ˆç›²ç›®ï¼Œè¿™è¯å³ä½¿ä»Šå¤©åœ¨é¦™æ¸¯ä¹Ÿä¼šè¢«æ‰¹è¯„。 我ä¸äº†è§£ä»–è¿™ç§æƒ³æ³•的背景, æœ‰å¾…å†æŽ¢ç´¢ã€‚

 

然而, æ˜¯ä¸æ˜¯å› ä¸ºä»–的这些想法和言论, å°±è¦å¦å®šä»–所åšçš„事情呢? æ˜¯ä¸æ˜¯ä»–å‘往民主和自由就被扣帽å­"neoliberal"? (这里还真è¦å¼„清楚是指neoliberal 还是new liberal)  首先,我ä¸è®¤ä¸ºè¯ºè´å°”奖的评选就代表至高无上的é“德标准。得了奖,是一ç§çš„鼓励和肯定,得ä¸åˆ°ï¼Œæˆ‘认为刘晓波的价值也没有因此而é™ä½Žã€‚

 

所有诺è´å°”奖的获奖人都è¦é¢å¯¹å„ç§å„样的评论,是谄媚还是陷害,还是è¦ç•™å¾…历å²åŽ»è¯„ä»·ã€‚

 

郭俭

 

香港

 

 



--- On Wed, 13/10/10, Robert Fitzthum <robert.fitzthum at rfmc.at> wrote:


From: Robert Fitzthum <robert.fitzthum at rfmc.at>
Subject: Re: SinoNet: Liu Xiaobo, Ai Weiwei für ein anderes China (Entschuldigung)
To: helmut.opletal at univie.ac.at
Cc: sinonet at lists.univie.ac.at
Date: Wednesday, 13 October, 2010, 8:14 PM

Lieber Helmut Opletal,

 

ich denke, auch politische Angelegenheiten sollte man sachlich diskutieren können.

Die Ablehnung einer Verurteilung steht ja doch außer Streit.

Interessant war der Beitrag von Herrn Kneussel allemal, da er zeigte, dass Liu politische Ansichten vertritt, die man hier in weiten Kreisen eher ablehnen würde. Welche Folgen es für China und die Welt haben könnte, wenn sich seine Meinung politisch durchsetzen würde, ist ja auch ein interessanter Themenkreis.

Interessant auch das Kurier Interview von Fr. Prof. <http://kurier.at/nachrichten/2039723.php>  Weigelin-Schwiedrzik.

 

Zusätzliche Information zu erhalten und Diskussion ist ja wohl der Zweck solcher Netzwerke. 

 

 

Mit besten Grüßen

 

Robert Fitzthum

 

 

-----Ursprüngliche Nachricht-----
Von: sinonet-bounces at lists.univie.ac.at [mailto:sinonet-bounces at lists.univie.ac.at] Im Auftrag von Helmut Opletal
Gesendet: Mittwoch, 13. Oktober 2010 13:14
An: Gregor Kneussel
Cc: sinonet at lists.univie.ac.at
Betreff: SinoNet: Re: Liu Xiaobo, Ai Weiwei für ein anderes China (Entschuldigung)

 

Lieber Mitdiskutierende, auch wenn da offenbar manches nicht für die

Allgemeinheit gedacht war, mir platzt trotzdem der Kragen!

 

Meint Ihr das ernst und seid Ihr wirklich von allen guten Geistern

verlassen? Merkt Ihr eigentlich, wessen Spiel Ihr da spielt?

 

Hier ist ein chinesischer Bürgerrechtsaktivist, an dem ein ziemlich

perfides Exempel statuiert wurde, der für Meinungsäußerungen und

zivilgesellschaftliche Aktivitäten, die auch Ihr (so hoffe ich) für

selbstverständlich in einer aufgeklärten Gesellschaft haltet, zu elf

Jahren Kerker verknackt wurde, stellvertretend für 300 weitere

Unterzeichner der Charta08, an die man sich – aus Angst vor

Solidarisierungen – nicht gleich so radikal zu vergreifen wagte. Und Euch

fällt nichts besseres ein, als ihm das Etikett „neoliberal“ auf die Stirn

zu picken und eine aus dem Kontext gerissene Aussage aus dem Jahr 1988 (!)

hervorzukramen, um ihn im Stil der kulturrevolutionären Rotgardisten zu

denunzieren.

 

Was wollt Ihr damit eigentlich suggerieren? Dass er zu Recht verurteilt

worden ist? Dass es mit „Neoliberalen“ (was immer Ihr darunter versteht),

mit Chinesen, die am westlichen Gesellschaftsmodell was Gutes finden, oder

meinetwegen auch die US-Intervention im Irak gutgeheißen haben, keine

Solidarität in Bezug auf grundlegende Menschenrechte geben kann?

 

Man mag sicher über einzelne Ansichten von Liu und anderen chinesischen

Dissidenten diskutieren (und das geschieht ja auch zwischen den

unterschiedlichen Vertretern der chinesischen Bürgerrechtsbewegung), man

mag auch debattieren, ob ihm wirklich der Nobelpreis gebührt. Aber

jemandem, der von einem Unrechtsregime und einer Unrechtsjustiz derart

menschenverachtend behandelt wird, auch noch Spott und Hohn nachzuschicken

(wie es Sautman and Yan in dem zitierten Artikel tun!), halte ich für

einigermaßen unwürdig.

 

In diesem Sinne, grüßt euch Helmut Opletal

 

 

 

 

 

On Mi, 13.10.2010, 05:09, Gregor Kneussel wrote:

> Verzeihung – das hätte nicht an die Liste gehen sollen, sondern nur an

> Martin. Und bitte auch den Tippfehler zu entschuldigen (Li/Liu).

>  

> Gregor

>  

> -------- Original-Nachricht --------

> Betreff: Re: SinoNet: Liu Xiaobo, Ai Weiwei für ein anderes China

> Datum: Wed, 13 Oct 2010 10:09:48 +0800

> Von: Gregor Kneussel <gregor.kneussel at gmx.net>

> An: SinoNet at lists.univie.ac.at

>  

> Gratuliere!

>  

> Untenstehend ein etwas anderer Blickwinkel von Sautman und Yan, dem ich

> noch hinzufügen würde, dass Li Xiaobo (als konsequenter Neoliberaler und

> mutiger Verfechter der zivilisatorischen Mission des Westens) ein

> begeisterter Unterstützer des Angriffs der USA auf den Irak war und ist.

>  

> Natürlich sollte er dafür nicht im Gefängnis sitzen; dass er im

> Gefängnis sitzt, enthebt seine Ansichten jedoch nicht jeglicher Kritik.

>  

> Herzliche Grüße

> Gregor

>  

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