SinoNet: Tibet und das Elend des Secondhand-Journalismus
Mag. Michael Procházka
michael.prochazka at cheng-gong.org
Do Mär 27 17:09:23 CET 2008
ein Service von derStandard.at
25.03.2008 23:56
Tibet und das Elend des Secondhand-Journalismus
Es ist sehr schwer, die Ereignisse zu rekonstruieren, wenn man
die Darstellungen offensichtlicher Propagandamedien nicht berücksichtigt -
Von Jens Berger
"Was ist Wahrheit? - Drei Wochen Pressearbeit, und alle Welt hat
die Wahrheit erkannt. Ihre Gründe sind so lange unwiderleglich, als Geld
vorhanden ist, sie ununterbrochen zu wiederholen." (Oswald Spengler)
***
Die ganze Welt schaut momentan mit Verachtung auf China, und der
Boykott der Olympischen Spiele wird offen angedacht. Ähnlich wie bei der
gewaltsamen Niederschlagung der Proteste der buddhistischen Mönche in
Myanmar im letzten Jahr, steht der Schuldige an der Eskalation und der
Gewalt anscheinend fest. In den Köpfen der Medienkonsumenten schwirrt die
Vorstellung, die chinesische Soldateska hätte friedliche Proteste
tibetischer Mönche mit Gewalt niedergeschlagen. Dabei sollen über 100
Tibeter den Kugeln der in die Menge feuernden Besatzer zum Opfer gefallen
sein - ein Massaker!
Diese Darstellung entspricht im Wesentlichen den Versionen der
tibetischen Exilanten in Nordindien und des amerikatreuen Radiosenders "Free
Asia". Beide Versionen werden in den Medien immer wieder gerne zitiert -
freilich ohne zu erwähnen, dass beide Quellen nicht eben neutral sind. Aber
was ist eigentlich am Wochenende im tibetischen Lhasa passiert, das die
Weltöffentlichkeit derart schockiert hat, dass Peking am Pranger steht?
Es ist sehr schwer, die Ereignisse zu rekonstruieren, wenn man
die Darstellungen der beiden Konfliktparteien und offensichtlicher
Propagandamedien - wie "Radio Free Asia" - nicht berücksichtigt. Die
seriösesten Quellen sind in diesem Falle Korrespondenten angesehener
Zeitungen, die direkt vor Ort waren und nicht "Informationen" aus zweiter
oder dritter Hand wiedergeben. Direkt vor Ort war der Korrespondent des
britischen Economist, und seine Schilderungen weichen in entscheidenden
Punkten von der Version der meisten Berichterstattungen, die sich auf
Informationen aus zweiter und dritter Hand stützen, deutlich ab.
Ausgebrochen sind die gewaltsamen Proteste, als Gruppen von
meist jungen Tibetern sich zusammengerottet haben und mit Pflastersteinen
und Betonbrocken in die Gassen der Altstadt von Lhasa zogen und die
Schaufenster chinesischer Geschäfte einwarfen. Auch (ethnische) Chinesen,
die nicht schnell genug fliehen konnten, wurden mit Steinen beschmissen -
darunter auch Kinder, Fahrradfahrer, Taxifahrer und Busreisende.
Die meisten Chinesen haben daraufhin ihre Geschäfte geschlossen
und sind geflohen. Daraufhin wurden die Geschäfte von den tibetischen
Demonstranten geplündert und einige wurden in Brand gesteckt. Es ist
wahrscheinlich, dass auch einige Chinesen in ihren Geschäften verbrannten.
Der Korrespondent wurde auch Zeuge einer Szene, in der ein kleiner
chinesischer Junge, in Todesangst vor dem Mob, Schutz bei einem tibetischen
Mönch suchte, den er gerade interviewte.
Die chinesischen Sicherheitskräfte haben sich nach den Angaben
des Economist-Korrespondenten zurückgehalten und sich auf passive
Abwehrmaßnahmen beschränkt. Rettungskräfte und Feuerwehr wurden ebenfalls
von den Demonstranten angegriffen, so dass mit Beginn der Nacht die
Feuerwehrwagen von gepanzerten Militärfahrzeugen eskortiert wurden, in denen
bewaffnete Soldaten saßen. Von Schüssen auf Demonstranten ist dem
Korrespondenten nichts bekannt.
Diese Version der Geschichte teilt auch der Zeit- und
taz--Korrespondent Georg Blume, der als einer der letzten ausländischen
Journalisten Tibet verlassen musste.
Heute hat mir ein Tibeter per Mail geschildert, wie er die
Aufstände beobachtet hat:
Er konnte die Szenerie sehr genau beschreiben, brachte seinen
ganzen Hass auf China zum Ausdruck - wie unmöglich sich die Chinesen
aufführen, wie sie die Tibeter ökonomisch und religiös unterdrücken. Der
nahm sich kein Blatt vor den Mund. Trotzdem sagte er: Die chinesischen
Polizisten haben nicht geschossen am vergangenen Freitag, dem Ausbruch und
vorläufigen Höhepunkt der Unruhen. Er vermutete, dass unter den Toten vor
allem Chinesen waren, die in ihren Läden verbrannt sind.
Im Moment können wir einfach nicht belegen, wer für die Toten am
Freitag verantwortlich ist. Auch ich hielt am Anfang die Militärpolizei für
schuldig. Zumal die ganze Stadt voller Uniformierter ist, da liegt der
Schluss natürlich sehr schnell nah, dass scharf geschossen wurde.
Je öfter ich aber mit Zeugen der Unruhen rede, desto
unwahrscheinlicher scheint mir das und desto öfter muss ich an Aldous Huxley
denken: "Die größten Triumphe der Propaganda wurden nicht durch Handeln,
sondern durch Unterlassung erreicht. Groß ist die Wahrheit, größer aber, vom
praktischen Gesichtspunkt, ist das Verschweigen von Wahrheit"
Wenn man sich diese Schilderungen anschaut, so fragt man sich
auch unwillkürlich, warum in den Medien nie das Wort Pogrom zu hören ist.
Stattdessen spricht man in den Medien lieber von "anti-chinesischen"
Protesten.
Angesichts dieser Vorkommnisse fällt es auch schwer, Solidarität
mit den Tibetern zu empfinden. Natürlich haben die Ausschreitungen nicht den
tibetischen Anspruch auf Autonomie diskreditiert. Aber mit uneingeschränkter
Unterstützung können die "Free Tibet" Aktionen nicht rechnen, so lange sie
sich nicht eindeutig von diesen Gewaltaktionen distanzieren.
Tibet ist nicht Myanmar und die jungen zornigen Tibeter sind
nicht die friedlichen Mönche aus Yangon. Natürlich sollte China endlich den
Dialog mit dem Dalai Lama eröffnen, um eine Verbesserung der Situation in
Tibet für die Tibeter und die dort lebenden Han-Chinesen zu erwirken. Bei
aller berechtigter Sorge um die kulturelle Identität sollte man aber auch
nicht die chinesischen Menschen in Lhasa vergessen, die vom aufgebrachten
Mob umgebracht wurden. (DER STANDARD, Printausgabe, 26.3.2008)
Link zum Artikel:Tibet und das Elend des Secondhand-Journalismus
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2008
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