SinoNet: Info
Florian
zemaflo at fastmail.fm
Don Mar 15 09:30:01 CET 2007
Der Koloss braucht unsere Hilfe!
Chinas schnelles Wachstum verbirgt fundamentale Schwächen. Ein Kollaps
würde
auch unsere Wirtschaft gefährden. Von Will Hutton
Chinas Aufstieg ist ungeheuerlich. So ungeheuerlich, dass wir uns
fragen, ob
das 21. Jahrhundert ein chinesisches Jahrhundert wird. Wenn ja, dann
müsste
sich der Rest der Welt mit den Werten einer völlig anderen Zivilisation
arrangieren als bisher. So problematisch die heutige Dominanz Amerikas
auch
sein mag, in einer von China dominierten Welt gäbe es keinen Garanten
mehr
für unsere im Grundsatz liberale Kultur und jene globalen Institutionen,
die
aus der Tradition der freiheitlichen Gesellschaften im Westen entstanden
sind. Die Frage, ob es ein chinesisches Jahrhundert wird, ist also eine
der
wichtigsten unserer Zeit.
Chinas Wachstumsraten sind der Neid der ganzen Welt. 400 Millionen
Menschen
wurden aus der Armut befreit. Noch vor 2010 wird das Land Deutschland
und
die USA als Exportweltmeister hinter sich lassen, und die
Währungsreserven
haben gerade die magische Grenze von einer Billion Dollar erreicht. Wie
konnte das gelingen? Die vorherrschende Erklärung im Westen ist, dass
China
sich vom Kommunismus verabschiedet und sich dem Kapitalismus
verschrieben
habe. Deswegen werde China auch nicht aufhören zu wachsen und noch lange
weiterblühen, sagen viele.
Ich bin da ganz anderer Meinung. China wird den Westen wirtschaftlich
nicht
von der Bühne fegen. Die chinesische Führung betont, dass sie ein ganz
besonderes Wirtschaftsmodell entwickele: eine sozialistische
Marktwirtschaft. In Wahrheit herrscht hier aber weder die sozialistische
Marktwirtschaft, noch nähert sich das Land dem Kapitalismus, wie es so
viele
Stimmen im Westen behaupten. Stattdessen ist das Land in einem Stadium
erstarrt, das ich »Leninistischen Korporatismus« nenne. Dieser Zustand
ist
instabil, ungeheuerlich ineffizient, extrem ungerecht und langfristig
nicht
aufrechtzuerhalten.
Leninistisch ist, dass die Partei nach wie vor dem Diktum folgt, sie
besitze
ein Monopol über die Bestimmung der Politik und die Kontrolle der
Gesellschaft. Korporatistisch ist, dass der Rahmen für jede
wirtschaftliche
Aktivität zentral gesetzt wird. »Die Partei«, sagt Präsident Hu Jintao,
»besetzt die Schlüsselposition und koordiniert jeden Wirtschaftssektor.«
Davon gibt es 57, von strategisch wichtigen wie Stahl und Energie bis zu
weniger essenziellen wie der Verpackungsindustrie oder dem
Friseurgewerbe.
Dort kommt niemand an der Partei vorbei.
Grundsätzlich gilt freilich, dass ein Unternehmen umso weniger produktiv
operieren kann, je mehr sich die Politik einmischt. Deswegen hat sich
die
Leistung der staatseigenen Betriebe, die zwei Drittel des
Industrievermögens
kontrollieren, auch nach 20 Jahren ständiger Reformen kaum verbessert.
Sie
sind unprofitabel und stehen finanziell am Rande des Ruins. Etwa ein
Drittel
aller chinesischen Angestellten ist überflüssig. Es gibt glaubwürdige
Schätzungen, nach denen eine winzige Zinserhöhung oder ein minimaler
Einbruch der Nachfrage dazu führte, dass die Chinesen 40 bis 60 Prozent
ihrer Schulden nicht mehr bedienen könnten. Das gesamte chinesische
Bankensystem wäre damit bankrott.
Unterm Strich blicken wir hier auf eine Volkswirtschaft mit
fundamentalen
Schwächen. Ungeachtet all der beeindruckenden Wachstumszahlen bleibt
China
ein innovationsarmes Land. Die Hälfte aller chinesischen Patente wird
von
ausländischen Firmen angemeldet, die fast für den gesamten Export im
Technologiesektor verantwortlich sind. Für jeden zusätzlichen Dollar
jährlicher Produktionsleistung muss China heute erst 5,4 Dollar
investieren,
viel mehr als Deutschland oder die USA. Noch vor 20 Jahren reichten vier
Dollar für dasselbe Wachstum. Mit anderen Worten: Eine ineffiziente
Volkswirtschaft hat noch an Effizienz verloren.
Es gibt einen Grund dafür, dass trotz des großen chinesischen
Exporterfolges
kein Mensch eine chinesische Marke mit globaler Strahlkraft kennt: Es
gibt
keine. Auf der Liste der 300 Unternehmen der Welt, die die größten
Budgets
für Forschung und Entwicklung haben, steht eine einzige chinesische
Firma.
Und obwohl auf der Forbes-Liste der der 500 weltgrößten Unternehmen 25
aus
China zu finden sind – was angesichts der Tatsache, dass es sich hier um
die
viertgrößte Volkswirtschaft der Welt handelt, auch nicht gerade
beeindruckt
–, sind diese alle staatlich gelenkt. China hat nicht ein einziges
privates
Unternehmen von Weltrang hervorgebracht. So ist es nicht verwunderlich,
dass
mehr als drei Fünftel der chinesischen Exporte und fast der gesamte
Export
im Technologiesektor von ausländischen Firmen produziert werden.
In dieser Liste von Schwachpunkten ist nicht zu vergessen, dass China
ein
Fälscherparadies ist. Geistiges Eigentum wird hier kaum respektiert und
nur
selten geschützt. Zwischen 15 und 20 Prozent aller bekannten
chinesischen
Markenprodukte sind Fälschungen, und man kann annehmen, dass rund acht
Prozent des Bruttoinlandsproduktes durch Kopien und Fälschungen verdient
werden – ein aussagekräftiger Beweis für die chinesische
Geschäftsstrategie
und die Ineffizienz des Rechtssystems.
Chinas Schwächen betreffen nicht nur die Belange der Unternehmen. Von
einer
arbeitenden Bevölkerung, die fast 800 Millionen Menschen umfasst, leben
200
Millionen als miserabel bezahlte Wanderarbeiter und Industrienomaden.
Die
Ungleichheit ist atemberaubend. Korruption, ob in Banken, dem
Rechtssystem
oder der politischen Führung in Städten und Provinzen, hat monumentale
Ausmaße erreicht. Die Zerstörung der Umwelt ist unvorstellbar schlimm.
Die
Luft ist so verpestet, dass jedes Jahr 400000 Menschen an
Atemwegserkrankungen sterben.
Kapitalismus bedeutet mehr als Gewinn und die Freiheit, den Preis zu
bestimmen. Das große Verdienst des Kapitalismus ist es, eine Vielzahl
von
Entscheidungsträgern zu schaffen. Das Resultat ist ein System, in dem
niemand darauf setzten muss, dass nur einer – die Partei – immer im
Recht
ist. Dieses System besitzt die Fähigkeit zur Selbstkorrektur, weil
Einzelpersonen und Organisationen ihre einzelnen Strategien und
Handlungsweisen frei und selbstbestimmt verändern. Das ist eine Folge
der
Unabhängigkeit, die sich aus privatem Besitz, freier Bildungswahl, einem
anspruchsvollen Wohlfahrtsstaat und der Einbettung in ein ziviles
Rechtssystem ergibt.
Genauso wichtig ist die effektive Nutzung von Ressourcen, die von einem
umfangreichen Netzwerk unabhängiger Überprüfungen, Rechtfertigungen,
Durchschaubarkeiten und Verantwortlichkeiten abhängt. Die Demokratie im
Sinne einer parlamentarischen Verfassung ist nur ein Element davon,
wenngleich ein wichtiges. Man mag sich darauf verlassen, dass Gerichte
auf
der Grundlage von Tatbeständen Recht sprechen und Zeitungen zuverlässig
berichten, dass unabhängige Gewerkschaften und unabhängige Buchprüfer
ihre
Arbeit tun. Genauso wichtig für die Ehrlichkeit des Systems und den
Erhalt
des westlichen Kapitalismus ist die Einzelperson, die Missetaten, die
innerhalb einer großen Organisation begangen werden, an die
Öffentlichkeit
bringt. Ich nenne diese Elemente die »aufgeklärte Infrastruktur«, und
genau
diese Elemente kann Chinas kommunistische Partei nicht zulassen, ohne
ihre
eigene Herrschaftsrolle zu gefährden.
Die Ignoranz des Westens gegenüber Chinas Schwächen ist unverzeihlich
und
führt zu einer maßlosen Übertreibung der sogenannten chinesischen
Gefahr.
Keine Frage, China ist auf dem Weg, Exportweltmeister zu werden, aber
deswegen bleibt es trotzdem ein Subunternehmer des Westens. Der Westen
muss
begreifen, wie fundamental die Probleme Chinas sind, und einsehen, dass
die
Gefahr einer politischen und ökonomischen Erschütterung besteht. Die
Folgen
für das globale Handels- und Finanzsystem könnten fatal sein. Nicht nur,
weil ein wichtiger Teil der weltweiten Nachfrage einbrechen würde,
sondern
auch, weil die Chinesen nicht mehr weiter das US-Handelsdefizit
mitfinanzieren würden.
Es liegt also im Interesse des Westens, China zu helfen, damit das Land
zu
einer ökonomischen Großmacht in westlicher Tradition wird. Auf gar
keinen
Fall darf die chinesische Führung durch wirtschaftliche Isolation in die
Ecke gedrängt werden, denn das würde den Druck zur Fortführung des
Reformprozesses sofort aufheben. Stattdessen muss der Westen alles tun,
um
den friedlichen Übergang zu einer pluralistischen Gesellschaft
voranzutreiben. China muss sich wohlfühlen mit der liberalen
Globalisierung
und dem internationalen Rechtssystem.
Die einfache Schlussfolgerung, aus Chinas Wachstum werde langfristig ein
wirtschaftlicher Einparteienkoloss entstehen, führt zu einer Panik, die
es
einfach macht, Handelsschranken zu rechtfertigen oder im Fall der USA
gar in
militärischen Aktionismus zu verfallen. Solche Reaktionen sind naiv.
China
muss sich verändern, und wir müssen alles tun, um diesen Wandel zu
fördern.
Nur dann wird die Welt sicher und bleibt dabei wohlhabend.
Will Hutton ist Chef des Londoner Thinktanks
<http://www.theworkfoundation.com/index.aspx> The Work Foundation. Sein
Buch
»The Writing on the Wall« ist Mitte Januar in Großbritannien erschienen
--
Florian Zemanek
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